Mia macht Urlaub in Side

Mia macht Urlaub in Side

Geschichten

Ein Abenteuer voller Sonne, Freundschaft und magischer Momente

„Das größte Abenteuer steckt nicht im Koffer, sondern in den Menschen, denen wir unterwegs begegnen.“

Die zehnjährige Mia kann es kaum erwarten: Zehn Tage Freiheit, Sonne und das glitzernde Mittelmeer liegen vor ihr! Als sie im sonnigen Side ankommt, ahnt sie noch nicht, dass dieser Urlaub ihr Leben verändern wird. Zwischen dem Duft von Jasmin, rasanten Wettrennen auf den bunten Wasserrutschen des Sun-Palace Resorts und den ehrwürdigen Ruinen des antiken Apollo-Tempels entdeckt Mia eine Welt, die viel größer ist als ihr Alltag zu Hause.

Doch das Beste an der Reise sind die „Sun-Palace Pirates“: Zusammen mit ihren neuen Freunden Sophie, Jonas und Elif gründet Mia eine unschlagbare Crew. Gemeinsam jagen sie bei Nacht über den Sand, lüften die Geheimnisse alter Säulen und erfahren durch eine kleine blaue Glasperle – das Nazar-Boncuk –, was wahre Verbundenheit bedeutet.

Was dich in dieser Geschichte erwartet:

  • Urlaubsfeeling pur: Tauche ein in die warme Welt der türkischen Riviera.

  • Echte Freundschaft: Erlebe, wie aus Fremden in kürzester Zeit eine eingeschworene Gemeinschaft wird.

  • Action & Geschichte: Eine spannende Mischung aus Pool-Abenteuern und Entdeckungsreisen in die Antike.

  • Ein Herzensprojekt: Eine berührende Geschichte über das Abschiednehmen und das Gefühl, die Sonne im Herzen mit nach Hause zu nehmen.

Eine Geschichte für alle kleinen Weltenbummler, Sandburgenbauer und Entdecker, die wissen, dass ein Stück Urlaub für immer bleibt – egal, wie grau der Himmel draußen ist.

Du kannst die Geschichte von Mia auch herunterladen um z.B. im Flugzeug zu lesen.

Kapitel 1: Die Ankunft im Land der Träume

Mia presste die Stirn so fest gegen das kühle Glas des Transferbusses, dass ein kleiner Abdruck auf ihrer Haut zurückblieb. Draußen glühte die Welt. Es war nicht die Art von Hitze, die man aus einem deutschen Hochsommer kannte – trocken und staubig –, nein, hier in der Türkei fühlte sich die Luft an wie eine warme, unsichtbare Umarmung. Der Asphalt der Küstenstraße flimmerte so stark, dass die entgegenkommenden Autos aussahen wie Schiffe, die durch eine Fata Morgana segelten.

„Schau mal, Mia!“, rief ihr Vater und zeigte mit dem Finger nach rechts. Hinter einer Reihe von silbrig schimmernden Olivenbäumen und riesigen, blühenden Oleanderbüschen blitzte es auf: das Mittelmeer. Es war so blau, dass Mia kurz blinzelte und sich fragte, ob jemand einen riesigen Farbeimer darin ausgeleert hatte. Es war ein tiefes, sattes Saphirblau, das am Horizont nahtlos in den hellen, fast weißen Himmel überging.

Mias Herz klopfte in einem schnellen Rhythmus gegen ihre Rippen. In ihrem Rucksack, den sie fest auf dem Schoß hielt, befand sich alles, was sie für ihr persönliches Überleben in den nächsten zehn Tagen brauchte: ihre Taucherbrille mit dem Schnorchel, ein halb gelesenes Buch über Meeresungeheuer, ihr Tagebuch und der kleine Glücksbringer-Hase, der schon seit ihrer Geburt jede Reise mitgemacht hatte.

Der Bus hielt vor einem gewaltigen Tor, das mit goldenen Lettern verziert war: „The Sun-Palace Resort & Spa“. Mia hielt den Atem an. Als sich die automatischen Glastüren der Lobby öffneten, schlug ihr eine Welle entgegen, die nach Luxus und Abenteuer duftete. Es war eine Mischung aus dem süßen Aroma von Jasminblüten, frisch aufgebrühtem türkischem Tee und dem Chlorgeruch, der von den fernen Pools herüberwehte. Der Boden der Lobby bestand aus weißem Marmor, der so glatt poliert war, dass Mia ihr eigenes Spiegelbild sehen konnte – ein zehnjähriges Mädchen mit Sommersprossen auf der Nase, etwas zerzausten hellbraunen Haaren vom Flug und Augen, die vor Aufregung funkelten.

Während ihre Eltern am Tresen standen und die Pässe vorlegten, wanderte Mia wie in Trance durch die riesige Halle. In der Mitte sprudelte ein Brunnen, in dem bunte Mosaiksteine tanzten. Ein freundlicher Hotelmitarbeiter in einer schicken Weste kam auf sie zu und reichte ihr ein Glas mit einem knallroten Getränk.

„Willkommen in Side, kleine Prinzessin“, sagte er mit einem Augenzwinkern. „Das ist hausgemachter Hibiskussirup. Sehr erfrischend nach der Reise“. Mia nahm einen Schluck. Es schmeckte süß, ein bisschen säuerlich und eiskalt. In diesem Moment wusste sie: Das hier war nicht einfach nur ein Urlaub. Das hier war der Beginn von etwas ganz Besonderem.

„Mia, komm! Wir bringen die Sachen hoch und dann schauen wir uns alles an“, rief ihre Mutter. Ihr Zimmer lag im vierten Stock. Als die Zimmertür aufging, rannte Mia sofort zum Balkon. Sie schob die schwere Glaswand beiseite und trat hinaus. Die Hitze traf sie wie eine sanfte Wand, aber das war ihr egal. Von hier oben wirkte die Hotelanlage wie eine eigene kleine Stadt. Direkt unter ihnen erstreckte sich das Herzstück: Eine Poollandschaft, so verzweigt und riesig wie eine Lagune. Es gab Brücken aus Holz, die über das Wasser führten, kleine Inseln mit Palmen mitten im Pool und dann – Mia quietschte leise vor Vergnügen – die Rutschen. Da war eine blaue, die sich in engen Spiralen drehte, eine gelbe Steilrutsche und eine breite, bunte Regenbogenrutsche, auf der gerade drei Kinder gleichzeitig mit viel Geschrei im Wasser landeten.

Weiter hinten sah sie den privaten Strandabschnitt des Hotels. Der Sand war hell und fein, und die weißen Sonnenschirme sahen aus wie kleine Pilze, die ordentlich in Reihen gewachsen waren. Am Ende der Bucht, weit in der Ferne, konnte sie die Ruinen des antiken Side erahnen. Die weißen Säulen des Apollo-Tempels ragten stolz in den Himmel, als würden sie seit zweitausend Jahren darauf warten, dass Mia endlich kam, um ihre Geheimnisse zu entdecken.

„Ist es so, wie du es dir vorgestellt hast?“, fragte ihr Vater, der hinter sie getreten war und ihr die Hand auf die Schulter legte. Mia nickte stumm. Sie konnte gar nicht sagen, was sie am meisten beeindruckte. War es die schiere Größe? Das glitzernde Wasser? Oder das Versprechen von Freiheit, das in der Luft lag? Zu Hause in Deutschland war alles geregelt – Schule, Hausaufgaben, Flötenunterricht. Aber hier, in diesen zehn Tagen, gehörte die Zeit ihr.

„Können wir sofort zum Pool?“, fragte sie mit bittendem Blick. Ihre Mutter lachte, während sie anfing, die ersten T-Shirts in den Schrank zu legen. „Zieh deinen Badeanzug an und vergiss die Sonnencreme nicht. Wir treffen uns in fünf Minuten unten an der Poolbar“. Mia brauchte keine fünf Minuten. Sie riss ihren Koffer auf, suchte ihren gestreiften Badeanzug heraus und schlüpfte so schnell hinein, dass sie fast über ihre eigenen Füße stolperte. Sie schnappte sich ihr Handtuch und rannte zur Tür.

Als sie wenig später im Fahrstuhl nach unten fuhr, beobachtete sie die Zahlen auf der Anzeige. 4, 3, 2, 1… Erdgeschoss. Die Türen öffneten sich und Mia rannte los, hinaus in das blendende Sonnenlicht. Der Boden unter ihren Füßen war von der Sonne aufgeheizt und brannte ein wenig an den Sohlen, aber sie achtete nicht darauf. Sie steuerte direkt auf den Rand des Hauptpools zu. Das Wasser war kristallklar, man konnte jede einzelne blaue Fliese am Boden sehen. Sie setzte sich an den Rand und ließ die Beine ins Wasser baumeln. Es war herrlich kühl.

Mia schloss die Augen und atmete tief ein. Die fernen Rufe der Animateure, das Lachen der Kinder an den Rutschen und das gleichmäßige Rauschen der Klimaanlagen vermischten sich zu einer Melodie, die für sie nach purem Glück klang. Zehn Tage lagen vor ihr. Zehn Tage, in denen sie alles sein konnte: eine Entdeckerin, eine Wassernixe oder einfach nur Mia aus der 4b, die gerade das größte Abenteuer ihres Lebens begann. Sie wusste noch nicht, dass sie in nur wenigen Stunden Freunde fürs Leben finden würde. Sie wusste noch nicht, wie schwer ihr der Abschied fallen würde. In diesem Moment gab es nur sie, das kühle Wasser an ihren Füßen und die goldene Sonne von Side, die auf ihrem Gesicht tanzte.

Kapitel 2: Das Bündnis der Strandentdecker

Die Sonne stand bereits tief über den Dächern von Side und tauchte die gesamte Hotelanlage in ein warmes, honiggelbes Licht, als Mia das erste Mal den „Kids-Club“ betrat. Es war ein flacher, bunt bemalter Holzpavillon, der direkt zwischen den duftenden Pinienbäumen und dem glitzernden Kinderbecken lag. Über dem Eingang hing ein Schild mit der Aufschrift „Sun-Palace Pirates“.

Mia zögerte einen Moment an der Türschwelle. Zu Hause in Deutschland war sie eher diejenige, die erst einmal beobachtete, bevor sie sich mitten ins Geschehen stürzte. Doch hier fühlte sich alles anders an. Die Luft roch nach Freiheit und Sonnencreme, und die Hemmschwellen schienen mit jedem Grad Celsius, das es hier wärmer war, ein Stück weiter zu schmelzen.

Drinnen herrschte ein fröhliches Chaos. Überall lagen Bastelsachen, bunte Stifte und aufblasbare Wasserbälle. Mitten in diesem Treiben stand eine junge Frau mit einem leuchtend gelben Hotel-T-Shirt, die gerade versuchte, eine Gruppe von Kindern zu bändigen.

„Und heute Abend“, rief sie mit Begeisterung in der Stimme, „machen wir die große Nachtwanderung! Wir suchen die geheimnisvollen Strandkrabben!“

In diesem Moment passierte es. Ein Mädchen mit wilden, fast unbezähmbaren Locken und einem T-Shirt, auf dem ein kleiner, frecher Mops abgebildet war, drehte sich mit Schwung um und stieß fast mit Mia zusammen. In ihrer Hand hielt sie eine halbfertige Piratenflagge.

„Oh, sorry!“, sagte das Mädchen und lachte. Sie hatte eine Zahnlücke, die ihr ein besonders verschmitztes Aussehen verlieh. „Ich bin Sophie. Bist du auch neu hier?“

Mia nickte und spürte, wie die anfängliche Schüchternheit verflog. „Ich bin Mia. Ich bin erst vor zwei Stunden angekommen.“

„Perfekt!“, entschied Sophie sofort, als hätten sie sich schon seit Jahren gekannt. „Du bist jetzt in meinem Team. Wir brauchen noch jemanden, der die Schatzkarte zeichnen kann. Jonas ist zwar gut im Rechnen, aber seine Zeichnungen sehen aus wie verunfallte Spinnen.“

Sie deutete auf einen Jungen mit einer runden Brille, der konzentriert an einem Tisch saß und versucht hatte, die Entfernungen zwischen der Poolbar und dem Amphitheater in Zentimeter umzurechnen. Das war Jonas. Er blickte auf, schob sich die Brille mit dem Zeigefinger hoch und grinste.

„Hey Mia. Ignorier sie einfach, sie ist nur neidisch auf meine mathematische Präzision.“

Und dann war da noch Elif. Sie saß etwas abseits und fädelte mit unglaublicher Geduld winzige, blaue Glasperlen auf eine Schnur. Als Mia näher kam, hielt Elif inne und reichte ihr eine der Perlen. Sie schimmerte wie das Meer draußen vor der Bucht.

„Das ist ein Nazar-Boncuk“, erklärte Elif mit einer sanften Stimme. „Meine Oma sagt, es beschützt einen vor dem bösen Blick. In der Türkei hat das fast jeder. Hier, die ist für dich.“

Mia nahm die Perle entgegen. Sie war glatt und kühl in ihrer Handfläche. In diesem Augenblick passierte etwas Magisches: Das Gefühl, eine Fremde in einem riesigen Hotel zu sein, verschwand vollkommen. Plötzlich war sie Teil einer eingeschworenen Gemeinschaft. Es spielte keine Rolle, dass Mia aus Hamburg kam, Sophie aus München, Jonas aus Berlin und Elif jedes Jahr ihre Verwandten in der Nähe von Side besuchte. Hier, im Schatten der Pinien, waren sie einfach nur die „Piraten“.

Der Abend kam schneller, als Mia es erwartet hatte. Nachdem sie sich am Buffet durch Berge von Wassermelonen und knusprigen Pide-Teigtaschen gegessen hatte, traf sie sich mit den anderen am vereinbarten Treffpunkt. Die Nachtwanderung stand an.

Jedes Kind hatte eine kleine Taschenlampe bekommen. Die Gruppe wanderte weg von den hellen Lichtern des Hotels, dorthin, wo der Strand dunkel und geheimnisvoll wurde. Das Rauschen der Wellen klang hier viel lauter, fast wie ein tiefes Atmen der Erde.

„Psst, guckt mal dort!“, flüsterte Jonas und richtete seinen Lichtstrahl auf den feuchten Sandstreifen direkt am Wasser. Dutzende kleine, sandfarbene Krabben huschten wie flinke Schatten über den Boden. Sie waren so schnell, dass man kaum blinzeln durfte, um sie nicht zu verpassen.

„Die sehen aus, als würden sie tanzen“, flüsterte Mia ehrfürchtig. Sophie schlich sich an eine der Krabben heran, doch das Tierchen war schneller und verschwand mit einem eleganten Seitwärtsschritt in einem kleinen Loch im Sand.

Sie saßen noch lange am Ufer, weit weg von den Erwachsenen. Die Taschenlampen hatten sie ausgeschaltet, um den Sternenhimmel zu betrachten. In Side schienen die Sterne viel näher zu sein als zu Hause. Sie wirkten wie tausend funkelnde Diamanten auf schwarzem Samt.

„Wisst ihr“, sagte Elif leise, während sie mit den Fingern Muster in den Sand malte, „meine Oma sagt immer, dass Freunde wie Sterne sind. Man sieht sie nicht immer, aber man weiß, dass sie da sind.“

Mia sah zu Sophie, Jonas und Elif. Vor ein paar Stunden hatte sie noch niemanden von ihnen gekannt. Jetzt fühlte es sich so an, als wären sie schon immer da gewesen. Sie sprachen über ihre Schulen, über ihre nervigen kleinen Geschwister und darüber, welche der Hotelrutschen wohl die gefährlichste war.

Als Mias Eltern sie schließlich abholten, war sie müde, aber ihre Augen leuchteten. Auf dem Weg zum Zimmer hielt sie die kleine blaue Perle von Elif fest in der Hand.

„Und?“, fragte ihre Mutter, während sie Mia zudeckte. „Schon Freunde gefunden?“

Mia lächelte nur und schloss die Augen. „Nicht nur Freunde, Mama. Wir sind jetzt eine Crew.“

Draußen vor dem Fenster zirpense die Grillen ihr nächtliches Lied, und das ferne Rauschen des Meeres wiegte Mia in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Der erste Tag war vorbei, und sie hatte das Gefühl, dass diese zehn Tage niemals enden dürften. Side hatte sein Versprechen gehalten: Das Abenteuer hatte gerade erst begonnen.

Kapitel 3: Von Rutschenkönigen und antiken Geistern

Die nächsten Tage fühlten sich an wie eine einzige, endlose Kette aus Sonnenstrahlen und Gelächter. Die Zeit in Side hatte ihren eigenen Rhythmus gefunden: Er begann mit dem Duft von frisch gebackenem Brot beim Frühstück, steigerte sich zur Mittagshitze am Pool und gipfelte in den lauen Abenden, an denen die Grillen in den Pinien um die Wette zirpsten.

An Tag fünf stand die ultimative Herausforderung an: Das große Wettrutschen. Mia, Sophie, Jonas und Elif standen oben auf dem Turm der „Aqua-World“. Von hier oben sahen die Menschen unten am Pool aus wie kleine, bunte Ameisen. Der Wind wehte hier oben etwas kräftiger und brachte den salzigen Geruch des nahen Meeres mit sich.

„Okay, Leute, die Regeln sind klar“, verkündete Jonas und rückte seine Brille zurecht, die er mit einem speziellen Gummiband gesichert hatte. „Wir starten bei drei auf der Regenbogenrutsche. Wer zuerst unten die rote Linie im Wasser passiert, darf entscheiden, welches Eis wir heute Nachmittag essen“.

„Ich nehme Pistazie!“, rief Sophie kampflustig und brachte sich in Position. „Eins… zwei… DREI!“ Mit einem lauten Kreischen stießen sie sich ab. Mia spürte das kühle Wasser unter ihrem Rücken, die Fliehkraft in den Kurven und das Adrenalin, das durch ihren Körper schoss. Das bunte Plastik der Rutsche sauste an ihr vorbei, bis sie mit einem gewaltigen Platsch im Becken landete. Eine riesige Wasserfontäne schoss in die Luft. Als Mia prustend auftauchte, sah sie Sophie, die bereits triumphierend die Arme in die Luft warf. „Pistazie für alle!“, jubelte Sophie. Sie lachten so sehr, dass sie kaum aus dem Becken klettern konnten. In diesem Moment war Mia völlig egal, dass sie eigentlich Angst vor der Schnelligkeit gehabt hatte. Mit ihren Freunden an der Seite fühlte sie sich unbesiegbar.

Doch Side war mehr als nur Pool und Rutschen. Am siebten Tag überredeten die Kinder ihre Eltern zu einem Ausflug in die Altstadt. Während die Erwachsenen von den gut erhaltenen Ruinen und der Architektur des antiken Theaters schwärmten, sahen die Kinder die Welt mit anderen Augen.

„Stellt euch vor“, flüsterte Elif, während sie durch die hohen Säulengänge des Apollo-Tempels schlenderten, „hier sind vor zweitausend Jahren schon Kinder herumgelaufen. Vielleicht haben sie auch Verstecken gespielt“. Die weißen Marmorsäulen ragten stolz gegen den tiefblauen Himmel. Mia fuhr mit der Hand über den rauen, sonnenwarmen Stein. Sie schloss kurz die Augen und bildete sich ein, das Echo der Vergangenheit zu hören. Für sie waren das keine toten Steine; es war eine Kulisse für ihre eigenen Abenteuer. Zwischen den Ruinen spielten sie „Römer gegen Piraten“, wobei Jonas der „Senator“ war, der die Strategien entwarf, während Sophie und Mia als flinke Kundschafterinnen durch die antiken Gassen huschten.

„Guck mal, Mia!“, rief Jonas und zeigte auf eine Eidechse, die auf einem Steinblock in der Sonne badete. „Die ist der wahre Wächter des Tempels“. Der absolute Höhepunkt dieser Tage war jedoch der Bau der „Festung Side“ am Strand. Stundenlang schleppten sie Eimer um Eimer mit Wasser herbei, um den Sand genau die richtige Konsistenz zu geben. Sophie war für die Türme zuständig, Elif verzierte die Mauern mit Muscheln und glatt geschliffenen Glassteinchen, und Mia baute ein ausgeklügeltes Tunnelsystem.

„Das ist nicht nur eine Sandburg“, sagte Mia stolz, als sie fertig waren. „Das ist unser Hauptquartier“. Sie saßen im weichen Sand, die Wellen umspülten sanft ihre Füße, und die untergehende Sonne färbte den Himmel in Violett- und Goldtöne. Mia fühlte eine tiefe Zufriedenheit. In diesen Momenten schien die Welt außerhalb dieses Strandes gar nicht zu existieren. Es gab keine Schule, keine Termine, nur den Sand zwischen den Zehen und das Wissen, dass morgen ein neuer Tag voller Möglichkeiten wartete.

Jonas erklärte ihnen beim Abendessen die Sternbilder, während sie auf der Terrasse saßen und den Blick über das dunkle Meer schweifen ließen. „Der da oben ist der Große Wagen“, sagte er und zeigte in den funkelnden Himmel. „Er zeigt uns immer den Weg“. Mia sah zu ihren Freunden. Sophie lachte gerade über einen Witz von Elif, und Jonas putzte fachmännisch seine Brille. Mia wünschte sich in diesem Augenblick, sie könnte die Zeit anhalten. Wie in einem Film, bei dem man auf die Pausentaste drückt. Sie wollte dieses Gefühl der totalen Freiheit und Verbundenheit in eine kleine Schachtel packen und für immer aufbewahren.

Doch während sie dort saßen und Pläne für Tag acht schmiedeten – eine Expedition zum hoteleigenen Bootssteg -, bemerkte Mia nicht, wie der Zeiger der Uhr unerbittlich weiterlief. Die goldene Mitte des Urlaubs war überschritten, und im Hintergrund, ganz leise, begann bereits das Ticken der Heimreise. Aber noch war es nicht so weit. Noch waren sie die Herrscher von Side, die Entdecker der Ruinen und die Könige der Wasserrutschen.

 

Kapitel 4: Das Flüstern der Wellen und der lange Abschied

Der neunte Tag begann wie jeder andere: mit gleißendem Sonnenlicht, das durch die Ritzen der Vorhänge in Mias Zimmer tanzte. Doch als Mia die Augen öffnete, fühlte sich ihr Herz seltsam schwer an, als hätte jemand über Nacht einen kleinen, grauen Stein hineingelegt. Es war dieser eine Gedanke, der wie eine dunkle Wolke am Horizont schwebte: Übermorgen fliegen wir nach Hause.

Beim Frühstück war die Stimmung am Tisch ihrer Freunde ungewohnt ruhig. Sogar Sophie, die sonst immer vor Energie sprühte und Pläne für das nächste große Abenteuer schmiedete, rührte heute nur lustlos in ihrem Schokomüsli. „Mein Papa hat gestern Abend die Koffer aus dem Schrank geholt“, sagte Jonas leise und starrte auf seine Brille, die er auf dem Tisch abgelegt hatte. „Er sagt, wir müssen heute schon anfangen zu packen, damit wir morgen früh beim Check-out keinen Stress haben“.

Das Wort „Packen“ klang in Mias Ohren wie ein verbotenes Wort. Es passte nicht hierher, nicht zwischen die Palmen, den Duft von Baklava und das unendliche Blau des Pools. Mia schluckte einen Kloß herunter. „Vielleicht… vielleicht können wir heute noch einmal alles machen? Ein letztes Mal die große Rutsche, ein letztes Mal zur Festung am Strand?“.

Sie verbrachten den Tag fast verzweifelt damit, jede Sekunde auszukosten. Sie rutschten, bis ihre Haut schrumpelig war, und bauten an ihrer Sandburg, als müssten sie sie für die Ewigkeit befestigen. Doch die Leichtigkeit der ersten Tage war verflogen. Jeder Lacher fühlte sich ein bisschen kürzer an, jeder Blick auf die Uhr ein bisschen schmerzhafter.

Am Abend, nachdem das letzte offizielle Hotelprogramm – die Kinderdisco – vorbei war, schlichen sie sich noch einmal zum Strand. Die Animateure räumten bereits die Liegen weg, und die Hotelanlage wurde in ein sanftes, künstliches Licht getaucht.

„Hier“, sagte Elif und kramte in ihrer kleinen Umhängetasche. Sie holte drei weitere blaue Glasperlen hervor, genau wie die, die sie Mia am ersten Tag geschenkt hatte. „Ich möchte, dass wir alle eine tragen. Wenn wir zu Hause sind und uns einsam fühlen, schauen wir die Perle an und wissen, dass die anderen drei auch gerade daran denken“. Mia nahm ihre Perle fest in die Hand. Sie fühlte sich warm an, aufgeladen von der Resthitze des Tages.

„Ich werde euch so schrecklich vermissen“, flüsterte sie. Die Tränen, die sie den ganzen Tag zurückgehalten hatte, begannen nun doch, über ihre Wangen zu laufen. Sophie drückte Mia fest. „Wir schreiben uns jeden Tag bei WhatsApp, versprochen! Und nächsten Sommer… nächsten Sommer überreden wir unsere Eltern, dass wir alle zur gleichen Zeit wieder hierher kommen“.

Sie saßen im Kreis im Sand, während das Mittelmeer leise vor sich hin rauschte, als würde es ihnen Geheimnisse zuflüstern. In diesem Moment wurde Mia klar, dass Urlaub nicht nur aus Orten besteht, sondern aus den Menschen, mit denen man die Zeit teilt. Side war für sie kein Punkt auf einer Landkarte mehr; Side war das Lachen von Sophie, das Wissen von Jonas und die Herzlichkeit von Elif.

Die Nacht war kurz und unruhig. Als der Wecker am nächsten Morgen um fünf Uhr morgens klingelte, fühlte sich Mia wie betäubt. Die Lobby, die am ersten Tag so prunkvoll und einladend gewirkt hatte, sah im fahlen Licht der Morgendämmerung fast traurig aus. Überall standen Koffer, Menschen verabschiedeten sich mit müden Gesichtern. Sophie und ihre Familie standen bereits am Transferbus. Die beiden Mädchen rannten aufeinander zu und hielten sich fest umschlungen. „Nicht weinen, Mia“, sagte Sophie, obwohl sie selbst schluchzte. „Wir sind Freunde. Arkadaş, weißt du noch?“ Mia nickte heftig. Sie sah zu, wie Sophie in den Bus stieg und ihr von hinten durch die Scheibe zuwinkte, genau wie Mia es vor zehn Tagen bei ihrer Ankunft getan hatte.

Als der Bus um die Ecke bog und die Rücklichter in der Ferne verschwanden, fühlte sich Mia plötzlich ganz leer. „Komm, Schatz“, sagte ihre Mutter sanft und strich ihr über das Haar. „Es ist Zeit. Unser Bus wartet auch“. Während der Fahrt zum Flughafen beobachtete Mia, wie die Sonne über dem Taurusgebirge aufging. Die Welt wurde wieder hell und golden, aber für Mia hatte die Farbe an Glanz verloren.

Sie hielt die kleine blaue Glasperle in ihrer Tasche ganz fest umschlossen und schloss die Augen. Sie versuchte, das Geräusch der Wellen in ihrem Kopf festzuhalten, bevor es von den lauten Triebwerken des Flugzeugs übertönt wurde. Sie flog nicht nur zurück nach Deutschland. Sie ließ ein Stück ihres Herzens im Sand von Side zurück.

 

Kapitel 5: Ein Stück Side im Rucksack

Der Rückflug war für Mia wie ein langer, grauer Traum. Das monotone Summen der Triebwerke und die dichte Wolkendecke über Europa schienen die lebhaften Farben der Türkei langsam auszulöschen. Als sie schließlich in Deutschland aus der Maschine stiegen, fühlte sich die Luft kühl und schwer an. Es regnete nicht, aber der Himmel war in ein eintöniges Betongrau getaucht, das so gar nichts mit dem strahlenden Azurblau von Side gemeinsam hatte.

In ihrem Zimmer angekommen, fühlte sich alles seltsam fremd an. Ihr Schreibtisch, die vertrauten Poster an der Wand, sogar ihr Bett – alles wirkte wie aus einer weit entfernten Vergangenheit. Mia öffnete langsam ihren Koffer. Ein Schwall warmer Luft, vermischt mit dem Duft von Sonnencreme und salzigem Meer, entwich den Kleidern. Zwischen ihren T-Shirts fand sie die kleine blaue Glasperle und legte sie behutsam auf ihren Nachttisch.

Der Montagmorgen kam viel zu schnell. Das schrille Klingeln ihres Weckers riss sie aus einem Traum, in dem sie gerade mit Sophie um die Wette rutschte. Als sie das Schulgebäude betrat, fühlte sie sich wie eine Außenseiterin. Alle redeten über das neue Videospiel oder den Regen am Wochenende. Niemand wusste, dass sie vor Kurzem noch zwischen antiken Säulen Verstecken gespielt hatte.

In der zweiten Stunde rief Frau Bergmann, ihre Klassenlehrerin, zum Erzählkreis auf. „So, Kinder, wer möchte uns von seinen Erlebnissen berichten? Mia, du warst doch im Urlaub, oder?“ Mia stand auf. Ihre Knie zitterten ein wenig, als sie nach vorne zum Pult ging.

Sie erzählte von der flimmernden Hitze, dem saphirblauen Meer und dem ersten Hibiskussirup. Sie berichtete von der Gründung der „Sun-Palace Pirates“ und dem Wettrutschen in der „Aqua-World“. Mia sprach über die antiken Geister von Side und die stolzen Säulen des Apollo-Tempels. Schließlich holte sie den kleinen blauen Glasstein hervor, den Elif ihr geschenkt hatte. „Das ist ein Nazar-Boncuk und soll Glück bringen“, erklärte sie.

Jeder ihrer Klassenkameraden nahm die Perle vorsichtig in die Hand und gab sie ehrfürchtig weiter. Mia erzählte von dem Versprechen, sich nächstes Jahr wieder in Side zu treffen. Als sie fertig war, herrschte einen Moment lang vollkommene Stille. Dann fragte Lukas: „Glaubst du… glaubst du, die Krabben sind jetzt auch gerade am Strand?“ Mia lächelte. „Ja, Lukas. Die Sonne geht dort gerade unter, und sie kommen sicher gerade aus ihren Löchern.“

Auf dem Heimweg nach der Schule fühlte sich der deutsche Himmel nicht mehr ganz so grau an. Mia merkte, dass sie Side nicht wirklich verlassen hatte. In ihrer Schultasche vibrierte ihr Handy – eine Nachricht von Sophie mit einem Foto ihrer Sandburg. Mia tippte schnell zurück: „Ich vermisse euch auch. Nur noch 355 Tage bis zum nächsten Sommer.“ Sie wusste jetzt, dass Abschiede zwar weh taten, aber der Beweis dafür waren, dass man etwas Wunderschönes erlebt hatte. In diesem Moment bildete sie sich ein, den Duft von Jasmin und das ferne Rauschen des Meeres zu hören.

 

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